Segelflugabenteuer Gariep Dam

Heinz sprach mich im Frühling letzten Jahres an, ob ich Weihnachten/Neujahr Lust hätte, nach Südafrika fliegen zu gehen. Zuerst war meine Reaktion eher ab­weisend; zu aufwändig, wieder eine lange Reise, ge­fährliches Land usw. Dann insistierte Heinz, ich solle mir die Sache gefälligst mal richtig anschauen und dann erst ein Urteil fällen! Die Idee ist, dass ein deut­scher Segelflugclub einen erst vierjährigen DUO-XLT nach Gariep Dam schickt. Um die Sache wirtschaftlich zu machen, brauchte es etwa sechs Piloten Doppelsit­zer-Crews.
Das Gebiet gilt unter Experten für Langstreckenflüge als weniger potentiell als z.B. die Bitterwasser-Farm in Namibia. Gariep Dam liegt jedoch näher an der Zivili­sation und es würden auch jedes Jahre etliche Tausen­der geflogen. Der Airport wird von einem deutschen Piloten organisiert und betreut, welcher auch selber hier investiert hat. Unter Wettbewerbspiloten ist er nicht unbekannt: Helmut Fischer? Nun ich erinnerte mich an frühere Reisen nach Südafrika und die Erinne­rungen waren eigentlich durchweg positiv. Also Heinz, ja wir gehen!

Die typischen Kreisfelder

Buchung

Allerdings war die Angelegenheit zuerst noch etwas wackelig, da erst im Juli feststand, dass genügend Teil­nehmer verfügbar sind und der DUO auch wirklich auf Reise geht. Das erfuhren wir allerdings erst, nachdem wir bereits eine Anzahlung geleistet hatten …. Etwas schelmisch fanden wir das schon, aber irgendwann braucht’s halt auch mal einfach Vertrauen. Jedoch ist zu sagen, dass die Info-Unterlagen recht ausführlich waren und professionell wirkten. Später bestätigte sich das auch bezüglich Zustand und Ausrüstung des DUO. Im Nachhinein stellt sich alles sehr empfehlens­wert heraus. Obwohl erst eine späte Buchung in die Hauptferienzeit möglich war, sind Flüge nach Johan­nesburg in bezahlbarem Rahmen um CHF 1 ‚3 00.-.

Anreise

Mit dem Swiss-Nachtflug kommt man etwa um 10:00 Uhr an. Sehr speditive Einreise mit äusserst freundli­chen Beamten. Das erwartet man nicht. Auch die Übernahme des Mietautos geht reibungslos. Die Fahrt nach Gariep Dam führt anfänglich über perfekte Au­tobahnen vorbei an dem berüchtigten Johannesburg. Links zu fahren scheint Heinz kaum zu kümmern, er macht das souverän. Die Landschaft geht von Savanne zunehmend in bergig/ hüglige Halbwüste über. Leider geht auch die N 1, welche Johannesburg mit Kapstadt verbindet, auf gefährlichen Gegenverkehr über, mit drei Spuren im 2/1 System, wo trotzdem beidseitig überholt wird. Auch das von Heinz bestens mit Ruhe und Übersicht beherrscht. Die 600 km sind abends ge­nau richtig zum Apero bei Sonnenuntergang ge­schafft.

Unterkunft

Ein phantastisch gelegenes Hotel 70 Meter über dem grössten Stausee des Landes ist unser Heim für die nächsten zehn Tage. Speziell bei untergehender Sonne bietet sich eine Traumsicht auf See und bergi­ges Umland, welches intensive Farben reflektiert. Die Lounge-Terrasse für Apero ist Weltklasse. Etwa zehn Kilometer vom Flugplatz gelegen. Gute Zimmer mit soviel Komfort wie’s braucht und ausgezeichnetes Es­sen runden die Sache. Auch hier bemerkenswert: Die Bedienung ausnahmslos durch Farbige ist zuvor­kommend und freundlich.

Airport

Der Flugplatz liegt sehr reizvoll inmitten des Gariep Dam Gameparks auf einer leicht abfallenden Ebene, welche an den Stausee anstösst. Die Pistenrichtungen 33/15 und 28/1 O je 1,4 km mit festem Belag. Sie stim­men absolut mit vorherrschenden Winden überein. Zwei grosse Hangars beherbergen teils lokale Segel­flugzeuge. Vier Container stehen da, welche etwa zehn Flugzeuge aus Europa gebracht haben für diese Saison. So auch unser DuoXLT. Bruce Hay ist Security Manager, hilfsbereit, engagiert. Als Südafrikaner hat er grosse Flugerfahrung in dieser Region.

Briefings

Ausgezeichnete Meteo vom Südafrikanischen Wetter­dienst, mit leicht verständlichen und übersichtlichen Charts.
In unseren fünf Flügen, verteilt über acht Tage stimm­ten die Voraussagen zu mindestens 80% – super! Bruce Hay gibt gute Motivation für mögliche Flugrou­ten für den jeweiligen Tag. Natürlich haben wir auch unsere deutschen Kollegen nach Informationen aus­gesaugt, welche schon zum achten Mal hier fliegen. Wir erhalten insgesamt sehr gute Empfehlungen für die praktische Ausführung unserer geplanten Flüge.

Erster Start in Südafrika

An unserem Mietwagen wird eine Anhängevorrich­tung angebracht – wirkt ziemlich wackelig und fragil, hält aber die ganze Zeit, auch wenn Heinz ab und zu Schrauben wieder anziehen muss.

Wir hängen unsere Flugmaschine ans Auto und zu­ckeln zur Pistenschwelle 28. Unser Schleppflieger, eine Cessna 182 mit 180 PS Motor, bescheiden in Leistung, wird vom jungen Franzosen Jer6me geflogen. Es bläst bereits stark aus Süd-West, was eine Seitenkompo­nente ergibt. Nun ist höchste Konzentration gefor­dert. Ich gehe alle Anweisungen nochmal durch: Be­reit-Seil straff-airborne -120kmh Speed alles muss man einzeln melden. Das wichtigste, tief hinter dem Schleppi bleiben, ja nicht übersteigen, damit er stei­gen kann! Da bleibt wenig Spielraum bei den Turbu­lenzen – auch über dem Gameparkzaum. Man bleibt nervenzerrend lang auf Giraffenkopfhöhe. In einer Linksschlaufe geht’s über ansteigendes Gelände, bis endlich die Erlösung in Downwind-Richtung kommt. Trotzdem ist Geduld die angesagte Tugend, bis min­destens 400 Meter Grund erreicht ist.
Hier dröhnt die nächste Anweisung in unseren Köpfen nach: Erst abhängen, wenn ihr, 100% sicher in einem Aufwind seid, satt & stetig‘. Dies zu beurteilen ist bei mindestens 50 km/h Südwestwind nicht ganz ein­fach. Wir haben Glück und bleiben oben. Steigen so­gar zeitweise gut. Die zerrissenen Aufwinde müssen gewaltig sein, denn inzwischen sind wir auf der heuti­gen Operationshöhe von 2’500 bis 3’500 Meter ange­langt und es bläst mit 65 km/h aus Südwesten.
Wir werden mit Macht ins Lee gezerrt, überfliegen mehrfach in verschiedenen Höhen unseren Flugplatz, bis wir endlich etwas nach Westen voran kommen. Nach drei Stunden im Turnbier finden wir den Einfüh­rungsflug genügend eindrücklich. Eine klassische Föhnlandung gelingt problemlos. Bruce steht mit Auto bereit und sofort werden wir von der Piste evakuiert. Topservice!

Wetter & Klima

Laut Bruce erhalten wir hier mit etwa einem Tag Ver­zögerung dieselben Wetterlagen wie in Bitterwasser. Anfang Dezember 2015 waren etwa acht Tage mit Tausenderpotential, welche von den Cracks auch voll geflogen wurden. Jetzt, wo wir da sind, (Weihnacht / Neujahr), ist eher Tiefdruckwetter mit grösseren Vari­ationen angesagt, was die Regensaison ankündigt. Mitte Februar sei die gute Zeit dann vorbei.
Generell ist die Luft extrem trocken über der Karoo­Wüste, was sehr grosse Sichtweiten ergibt. Wir glau­ben nachweislich über 300 km gesehen zu haben! Wind ist in mässiger bis grosser Stärke ein treuer Be­gleiter. Morgens ist es an gewissen Tagen noch ruhig, jedoch heizen die Riesenlandmassen auf und bilden im laufe des Tages grosse Temperaturgradienten zum re­lativ nahen indischen Ozean – abends bläst es mit Si­cherheit bei 35° bis 40°C meist aus SW.

Unsere weiteren Flüge

Von acht Tagen waren sechs fliegbar, davon vier sehr gut. Wir machten schliesslich fünf herrliche Flüge. Wir haben nicht die beste Periode erwischt, trotzdem leg­ten wir stetig zu mit unseren Leistungen, laufend stei­gend machten wir je ein 300- / 400- / 500- km und zur Krönung ein 600-km-Dreieck. Ein absoluter Segen war der Solo-Hilfsmotor, welchen wir drei Mal einsetz­ten. Unglaublich, aber wahr: Um ziemlich genau 17 Uhr stellt die Thermik zu 80% ab. Meistens gibt’s dann Überentwicklungen und Schauer gehen los, wel­che man umfliegen muss, obwohl sie den Boden gar nie erreichen. So brachte uns das Motörchen zweimal etwa 50 km Schenkelverlängerung, was uns sicher heimführte. In einem Fall konnten wir dank dem Solo auf etwa 700 AGL in einen Dustdevil einsteigen, wel­cher uns auf Heimkehrhöhe auf 4’800 m.ü.M. brachte! Dustdevils, ,Dusties‘, wie sie hier genannt werden sind kleinsträumige Tiefs, tornadoähnlich. Sie werden sichtbar durch den Staub, den sie in die Höhe reissen. Kommt man hin, ist ein Gewaltslift garantiert.
Die Landschaft ist schlicht grossartig. Lange Hügel­züge, die sehr bergig wirken, aber nur etwa bis 200 Meter hoch aufragen, prägen das Landschaftsbild. Da­zwischen liegen riesige Flächen mit unglaublich weit zerstreuten Farmen und kilometergrossen, kreisrun­den Bewässerungsanlagen und mit verschiedenen Ge­wächsen. Wasser ist hier alles! Das wird aus grossen Höhen eindrücklich sichtbar.
Immer wieder fliegt man über Siedlungen, die entwe­der wegen des Minenbaus oder aus mehreren Farmen entstanden. Dazwischen findet man Pisten oder ge­teerte Strassen, welche die abgelegenen Orte verbin­den.

Navigation & Aussenlanden

Natürlich haben wir mit modernen Hilfen (Oudie und LX 8000) gearbeitet. Es war uns aber wichtig, auch „real“ immer unsere Position zu wissen. Bei bis 5’000 m.ü.M., also 3’500 über Grund, sehen grosse Gebiete doch recht gleichförmig aus. Strassen, Stromlinien und Ortschaften helfen bei der Orientierung. Wegen der extrem guten Sicht halfen uns die grossen Flüsse und Stauseen ebenfalls sehr zur Grobnavigation. Prak­tisch jeder Ort und viele grosse Farmen haben eigene Airstrips. Die Flugkarte und auch unsere Navigations­hilfen zeigen diese zuverlässig an. Meistens handelt es sich um unbefestigte Staubbahnen von meist über ei­nem Kilometer Länge. Das Rückholkonzept ist, dass man nach der Landung per Auto von Gariep Dam abgeholt wird und am nächsten Morgen mit dem Schleppflieger zum ge­strandeten Segler zurückgeflogen wird. Ohne Flügel­mann wird man dann in die Luft gezerrt – wir sind nicht ganz unglücklich, diesen Service nicht bemüht haben zu müssen. In der aktuellen Trockenzeit sind auch leere Stauseen eine gute Option für Aussenlandungen. Kulturen wer­den nur bedingt empfohlen, wegen verdeckter Be­wässerungseinrichtungen. Weideflächen sind wegen der Millionen Termitenhügel ausgeschlossen.

Ruhetage

Wir gönnten uns wegen bescheidenen Flugwetters auch zwei Ruhetage. Da lässt sich genüsslich die wun­derschöne Umgebung des Stausees mit Gamepark voller Zebras, Kudus, Straussen usw. erkunden. Aus der Luft sieht das nächstgelegene Dorf wirklich nahe aus (etwa 35km Luftdistanz), zu Land auf Pisten über ausgetrocknete Bäche entwickelt sich das zur Halbta­gesreise. Die Dimensionen Südafrikas haben wir also auch zu Land in Erfahrung gebracht. Es gibt also auch an Nichtflugtagen genügend Alternativen, um sich zu beschäftigen. Jeden Abend freuten wir uns auf den Apero über dem See und das gute Essen.

Abschluss & Übergabe

Die peinlich genaue Reinigung unter Heinz‘ Anleitung und seinem Argusauge führte zur problemlosen Über­gabe des DUO XLT. Alles ebenso freundschaftlich wie schmerzlos ausgeführt durch Bruce, welcher wirklich für alles besorgt ist und für die Organisation hier den besten Eindruck entwickelt.

Rahmenprogramm

Sehr gut kombinieren lässt sich der Besuch des Addoo Nationalparks in der Nähe von Port Elisabeth. Drei Tage Pirschfahrten in der herrlichen Karoolandschaft mit Elefanten Löwen Buffalos usw.
Unseren Abschluss machten wir in den Weingärten des Kaps der guten Hoffnung in der Region Paarl. Auch hier liebenswürdige Aufnahme und sehr gutes Essen mit erlesenen lokalen Weinen.

Zusammenfassung

Fantastische Reise zu & mit freundlichen Menschen Preis/Leistung total gut, nicht zuletzt wegen Rand­wechselkurs.
Fliegerisch ist Gariep Dam ein absoluter Leckerbissen mit neuen Erfahrungen, gutes Flugtraining und Föh­nerfahrung sind in diesen Verhältnissen allerdings Vo­raussetzung. – Wir gehen wieder!

von Martin Haller (aus: Soaring News, März 2016)

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